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1159 Ein Stern Geft Auf!
By Marc Müller
May 21, 2003, 16:53

Eigentlich bin ich gebeten worden, etwas über die Restauration des Bootes zu schreiben. Ich kann das jedoch nicht, ohne einen Teil der Geschichte des 1159 mit einfließen zu lassen. Dieses Boot ist für mich nicht nur einen segelbarer Gegenstand. Er ist ein Traum, die Verkörperung von Seefahrerromantik und ein großes Stück Lebensgeschichte:

Als ich ca. 8 Jahre alt war, kauften, nach einer ewig langen Familiendiskusion und einem 4-Wöchigen Urlaub als Bedenkzeit , ihr erstes Boot. Anfangs ist mir noch regelmäßig schlecht geworden, aber der Anfang war gemacht!

Kurz darauf lernte ich in der Jugendabteilung des Segelvereins selbst Segeln. Natürlich wollte ich wissen wie gut ich segeln kann und segelte Regatten gegen alles und jeden. Die Erfolge waren damals noch eher mäßig, aber mir war schnell klar geworden, das Gewinnen, wenn man nach Yardstickzahlen segelt, auch etwas mit dem richtigen Boot zu tun haben muß. Trotz regelmäßigem Training und über die Jahre besser werdenden Materials war da immer dieser Star. Er segelte bereits bei Winden, die auf dem Wasser kaum zu sehen waren und sah dabei immer so aus, wie ich mir ein echtes Regattaboot vorgestellt habe: schnell und elegant

Als Teenager Segelte ich viele Jahre 470er, aber der Traum vom Star steckte immer in meinem Kopf. Wenn ich heute an die Zeit zurück denke, sehe ich den damaligen Besitzer des Bootes, wie er eine Pfeife rauchend hinten in der Plicht sitzt, die Pinne über die Schulter gelegt und allein über den See gleitet. Sie nannten Ihn „Spatz“ Döring. Er war ein älterer, klein gewachsener und immer braun gebrannter ehemaliger Legionär der Französischen Armee. In seinem Leben schien er viel erlebt und gesehen zu haben. Seinen inneren Frieden schien er in diesem Boot gemacht zu haben. Sein Auftreten war stets freundlich und zuvorkommend, die Leute mochten Ihn, auch wegen seiner ruhigen und ausgeglichenen Art. Er war so der Typ Mensch, die keine Hektik kennen und durch nichts aus der Fassung zu bringen sind. Ich fand er war irgendwie Geheimnisvoll. „Viola“(so hieß 1159, nach seiner Tochter benannt) und er bildeten eine Einheit, die für mich untrennbar zusammen gehörten. Es wirkte auf mich, als ob das Boot ein bedeutender Teil seiner Lebensphilosophie war. In warmen Sommernächten legte er das Großsegel als Persenning über den Baum und schlief darunter. Es gab sogar Leute die behaupteten, er hätte das Großsegel sogar als Schlafsack benutzt Er hatte sich achtern unter Deck eine kleine Holzschublade aus Mahagoniholz montiert, in der sich neben Schäkeln und anderem Segelsachen immer ein kleine Metallflasche (Flachmann) befunden haben soll, die immer mit einem Schluck Schnaps gefüllt war. Angeblich nur um Rasmus milde zu stimmen (wer es glaubt...).

Irgendwann meinte „Spatz“ er sei, zu alt geworden um die viele Pflege, die das Holzboot benötigte auf sich zu nehmen. Der Zustand des Bootes war auch nicht mehr so gut und eine Generalüberholung wurde nötig. -Die beiden Trennten sich. Viola Stand am Ufer, und sein Besitzer kam nicht mehr. Das Boot schien zu trauern. Es war eine Merkwürdige Zeit! Denn genau wie sich der Zustand des Bootes verschlechterte, verschlechterte sich der Gesundheitszustand des ehemaligen Besitzers. Über ein Jahr Stand das Boot, ohne daß sich jemand darum gekümmert hatte. Ein Käufer wollte sich nicht finden. So wurde es dann dem Segelverein geschenkt. Der wollte es jedoch auch nicht haben, da niemand die Zeit und die Lust hatte, das bis dahin schon sehr kaputte Boot zu restaurieren. Zu diesem Zeitpunkt erfuhr ich, daß dieses Boot zu haben sei. Natürlich war ich sofort begeistert, aber ich hatte keine Ahnung wohin damit und wie ich es wieder flott bekommen sollte. Nicht zuletzt fehlte es mir am Geld, denn damals war ich noch Student. Meine Freundin, die leider keinen Sinn für das Segeln hatte, versuchte mir zuzureden, ich solle das Boot vergessen. Erste Stimmen wurden laut, die spekulierten, wie man das Boot entsorgen könne. Vermutlich würde es den nächsten Winter nicht überleben. Es wurde ernst! Ich unterhielt mich lange mit meinem Vater über das Boot, die alten Geschichten und den ehemaligen Besitzer, der inzwischen so krank war, daß er in ein Krankenhaus kam.

Ich meine es war September 1992 als ich eine alte Scheune organisiert hatte und das Boot nun endlich zu mir holen konnte.
Ich erinnere mich noch, wie viele Witze machten, ich sollte doch eine Grillparty geben. Sie würden das Grillfleisch mitbringen, -Holz hätte ich ja genügend.

Nun war er also mir, mein Traum:

Voller Elan begann ich also zuerst mittels Heißluftföhn die Farbe Zentimeter für Zentimeter zu entfernen. Eine Arbeit, die ich zweimal machen mußte, da die Grundierung beim ersten Mal nicht mit abging. Ich machte mich sodann in jeder freien Minute an meine Arbeit. Zeit hatte ich inzwischen reichlich, da meine Freundin lieber eigene Wege ging. Mir wurde dadurch klar was Tradition und Werte sind. Im Laufe der Restauration ist vieles gekommen und vieles wieder gegangen. Was blieb war mein Star. Daraus entnahm ich eine selbst auferlegte Verpflichtung: Das Boot darf nicht einfach nur wieder segelbar werden, es muß wieder strahlen! Egal, wie lang es auch dauern würde, es ist eine Frage der Ehre!

In den Arbeitspausen setzte ich mich auf des Achterdeck, sah über den Bug hinweg und träumte davon, wie nun ich, mit Stolz erfüllt, über den See glitt.


Im nächsten Frühjahr ereilte mich die unschöne Nachricht, daß ich eine neue Halle benötigen werde, da, der mit der Restaurierung verbundene Dreck, dem Besitzer der Scheune mißfiel. Er wollte lieber Wohnmobile unterstellen.

Ein glücklicher Zufall war, daß ein Jahrelanger Freund eine Holzwerkstatt betrieb, die, weil er neu gebaut hatte, lehr Stand. Im Nachhinein muß ich sagen, daß dies zu dem größten Glück gehörte, daß ich nur haben konnte. Mir standen jetzt Werkzeuge zur Verfügung, die ich sonst nicht gehabt hätte, und einen dringend benötigten Kran hatte ich auch noch. Ohne dies wäre wohl früher oder Später das Projekt gescheitert.

Da der Kiel sich über einen Zentimeter in der Bohle versenkt hatte und das Holz an der Stelle sehr morsch war, mußte an dieser Stelle eine neue her. Wieder einmal erwies sich die Verbindung zu meinem Freund mit der Holzwerkstatt als überaus glücklich, denn er konnte mir eine ansonsten nicht erwerbliche 4 Meter lange Bohle aus Mahagoni besorgen. Der Kenner weiß, daß die Kielplanke das längste Stück Holz ist, das ein einem Star verbaut ist und vier Meter nicht reichen. Er hat die Planke einfach längs durchgeschnitten und jeweils ein Ende keilförmig angeschrägt. Beim Einbau brauchte ich jetzt nur diese beiden Enden übereinander legen und verschrauben!

Weitaus mehr Probleme bereiteten mir die morschen Spannten. Sie waren fein säuberlich alle paar Zentimeter von außen mit Messingschrauben mit den Planken verbunden. Die Korrosion (Grünspan) der Schrauben hatte tatsächlich eine chemische Verbindung mit dem Holz gebildet, so daß sich nicht eine Schraube herausgedrehten ließ. Es brachen maximal die Köpfe ab. An dieser Stelle möchte ich meinem Vater und seinen helfenden Händen zu tiefst danken.
Er hat tatsächlich Schraube für Schraube von Hand, einzig mit einem Metallsägeblatt und Handschuhen gerüstet, abgesägt! Es ist unglaublich mit welcher Ausdauer er diese Arbeit, trotz der blutigen Hände, die er dadurch bekam, verrichtete. Das werde ich nie wieder gut machen können.

Im Laufe dieser Zeit erkrankte meine Mutter überraschend schwer. Wir wurden durch die Situation völlig überrannt. Ich unterbrach mein Studium für ein Semester um meinem Vater zur Seite zu stehen und ihn nicht allein zu lassen. In der Zeit zwischen Arbeit und Krankenhaus lenkten wir uns gemeinsam mit der Restauration des Bootes ab. Ich weiß nicht, wie er die Zeit beurteilt, für meinen Teil kann ich sagen, daß die ohnehin schon gute Beziehung zu meinem Vater durch die außergewöhnlichen Umstände und die vielen Stunden die wir an dem Boot verbrachten noch enger geworden ist. Heute verstehen wir einander oft ohne zu reden. So ist 1159 für mich auch ein Denkmal für meinen Vater. So eine Art Uhr, die man voller Stolz von seinem Vater geschenkt bekommt, in Ehren hält und sie selbst irgendwann an seinen Sohn weiter gibt.

Viel diskutiert wurde die Frage, wie man das Boot dicht bekommen könne. Bislang ist es immer erst eine Zeit als U-Boot versunken, bis das Holz aufgequollen ist. Eigentlich wollte ich genau das nicht mehr! Außerdem mochte ich nicht, alle paar Jahre die Farbe entfernen und neu auftragen müssen. Ich hätte gern die Optik eines Holzbootes mit den Eigenschaften von GFK gehabt. Am Ende von vielen Büchern, Artikeln und Meinungen entschloß ich mich dem Boot eine zweite Haut aus GFK zu geben. An den Geruch von Mandeln werde ich mich noch lange erinnern. Es war ein warmer Sommer mit etwa 30°C. Eigentlich viel zu warm um mit Kunstharz zu experimentiere. Binnen 15Min. sollte der Harz angemischt, die Glasfasermatten in eine dünne Schicht Harz getränkt und blasenfrei auf dem Rumpf laminiert werden. Unglaublich, durch welche kleinen Ritzen der Harz lief. Weitere Probleme ergaben sich durch die Krümmung des Bootes. Nach kurzer Zeit klebte alles mögliche an einem fest und ging nicht mehr ab! Überstehenden Fasern wurden durch den ausgehärteten Harz spitz wie Nadeln und fühlten sich nicht unbedingt wie Akupunktur an.

Auch diese Arbeit war irgendwann fertig. Wir glaubten uns ein gutes Stück dem Ende näher. „Ein bißchen spachteln, lackieren und fertig.“ Die Realität sah mal wieder deutlich anders aus. Die Oberfläche war durch das Laminieren so wellig geworden, daß allein das Spachteln und Schleifen 2Jahre brauchte. Es war kein Land in Sicht. Schleifpapier kaufte ich inzwischen nicht mehr blattweise sondern kiloweise ein.

In den Wintermonaten hatte ich einen kleinen Ölofen. Der zwar nicht wirklich die Halle aufwärmen konnte, aber immerhin reichte es, um ab und zu die Hände darüber zu halten.
Vielleicht hätte alles auch schneller gehen können, aber ich wollte es unbedingt perfekt machen. Der Gedanke, der mich trieb, war, dass ich das, was ich jetzt nicht gut machen würde, immer sehen und mich ärgern würde. Außerdem hatten wir einen guten Ruf zu verlieren! Meine Familie ist für Sorgfalt und Qualität bekannt. Allen, die mich nach dem Boot fragten, gab ich die Antwort: „Lieber etwas länger arbeiten, als nur `ne halbe Sache machen.“ ...- Ehrensache eben. Verstand auch jeder.

Die Leute glaubten zu dem Zeitpunkt eigentlich schon nicht mehr an die Existenz des Bootes. Es fragte auch irgendwann keiner mehr danach. Allerdings ließ ich Freunden des ehemaligen Besitzers regelmäßig Informationen zukommen. Sie sollten Spatz berichten, dass seine Viola bei mir in guten Händen ist, und dass ich mit Ihm die Jungfernfahrt machen wolle, wenn er denn endlich gesund würde und aus dem Krankenhaus käme. Leider hatte sich sein Gesundheitszustand inzwischen sehr verschlechtert. Aus der einer Operation ist ist er nicht wieder aufgewacht und lag im Koma. Ich hätte ihm sonst Fotos mitgegeben.

Die Automobilbauer nennen es Hochzeit, wenn der Motor in die Karosserie eingebaut wird. Die Hochzeit von 1159 war, als sich nach so langer Zeit endlich der Kiel wieder mit dem Rumpf vereinigte. In der Nähe des Ortes, in dem ich wohnte, war eine Lackiererei. Dort hin brachte ich das Boot damit es wieder in einem jungfräulich Weiß strahlen kann.

Problematisch gestaltete sich Aufstellen in der Lackiererei. Da die Firma selber keinen Kran besaß, probierten wir 1159 mit einem besonderen Hubwagen vom Trailer zu heben. Was für eine sch... Idee!!! Dabei ist uns fast das Boot samt Hubwagen umgefallen. Alles zusammen landete auf dem Trailer. Schrecksekunden vergingen. Außer einer Macke, die sich vor dem Lackieren beseitigen ließ, ist zum Glück nichts passiert. In der Nachbarschaft trieben wir einen Gabelstapler auf. (Warum eigentlich nicht gleich so?) Für ein kleines Trinkgelt hat der Fahrer bereitwillig geholfen. Wie vereinbart kahm ich nach vier Tagen ich in freudiger Erwartung zurück, meinen Star im neuen Glanz abholen zu können. Welch Wunder: das Deck und die Bordwände waren sogar lackiert! Angeblich war die Menge Farbe nicht ausreichend gewesen. Gut, ich hatte natürlich richtigen Bootslack gekauft und nicht einfach irgend eine Autofarbe an mein Boot schmieren lassen. Aber das Zeug kann man Kaufen!!! Warum also halbe Arbeit? (...) Ich stritt mich also nicht weiter, fuhr mein Boot zurück in die Werkstatt des Freundes und begann mit dem zweiten Bauabschnitt, dem Innenausbau.

Ohne viele Worte zu verlieren: das war der schlimmste Teil von allem! Natürlich wollte ich den Holzbooten eigenen Charm erhalten. Also, alte Farbe raus, neuer Lack ‘rein - fertig.
Natürlich funktionierte das so mal wieder nicht. Die alte Farbe war sehr ölig, zudem auch noch thermoelastisch, so daß an fix abschleifen nicht zu denken war.

Der alt bekannte Heißluftföhn, half grob zu entfernen, wobei man höllisch aufpassen mußte, daß man das Holz dabei nicht verbrannte. Die Farbe war so tief in das Holz eingedrungen, daß mittels Abziehklinge die oberste Schicht Holz zentimeterweise wie mit einem Rasierer abgekratzt werden müßte. Je weiter wir nach vorn in die Spitze des Bootes vorkämpften um so mühseliger wurde die Arbeit. Es fehlte einfach am Platz um sich zu bewegen. Im Bug waren wir mit den Schultern in den Bordwänden eingeklemmt. Einen Arm vor der Brust verschränkt, streckten wir den anderen aus, um, den Kopf darauf abstützend, den Lack abzukratzen.

Die gleiche Übung gab es dann im dritten Schritt mit einer Staubmaske über Mund und Nase. Diesmal mit zusätzlich einem Schwingschleifer in der Hand. Ein normaler Staubsauger sollte helfen den entstehenden Schleifnebel zu verringern. Genutzt hat das nicht wirklich was. An manchen Tagen strengte mich das so an, daß ich mich nur eine halbe Stunde pro Tag motivieren konnte. Mein ganzer Körper war voll mit blauen Flecken. Ehrlich, mir sind alle meine Sünden wieder eingefallen, sogar die, die ich gar nicht begangen habe!

Wer eine solche Arbeit vor sich hat, den möchte ich davon nicht abhalten, aber er soll sich drei Dinge zu Herzen nehmen: 1. Ohne gutes Werkzeug wird es nichts. 2. Auf jeden Fall wird es länger dauern als geplant. 3. Es braucht sehr viel Idealismus.

Bis hierher ist eine Frage immer noch ungeklärt: der Name. Im Freundes- und Bekanntenkreis habe ich immer mal wieder nach Ideen gefragt. Ich dachte an ein Wortspiel in Verbindung mit Sternen. Zumindest sollte der Name einen guten Klang haben. Dabei ist alles Mögliche in verschiedenen Sprachen herausgekommen. Darunter waren unter anderem: Cassiopia, Starlight, Swesda (Russisch = Stern), .... so richtig gefallen hat mir das alles nicht. Meine Ansprüche waren einfach zu hoch. Mein Star sollte nicht wie ein Handheld PC von Casio heißen. Starlight war mir zu einfallslos, Russisch zu hart in der Aussprache, (....- dabei mußte ich nicht einmal Rücksicht darauf nehmen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist-....) Mir war klar, daß es noch einige Zeit brauchen würde, um das Problem zu lösen.

Neben diversen Beschlägen und Kleinteilen fehlten mir vor allem Segel, die tauglich waren.
Im Internet fand ich eine Seite, wo ich meinen Mangel postete. Mein Ersuchen, einen gebrauchten Satz Segel erwerben zu wollen beantwortete ein Schweizer. Er schickte mir einen sehr guten und wahrscheinlich selten gebrauchten Satz Regattasegel. Da für mich Geld immer noch knapp war, bin ich ihm besonders dankbar, daß er mir nichts dafür berechnet hat. Meine Dankbarkeit ihm gegenüber auszudrücken verhinderte ein Absturz meines PCs. Auf einen Schlag waren alle meine Adressen weg. (Danke Herr Gates!) In der Hoffnung, daß der Spender irgendwann auf diesen Text lesen wird, möchte ich an dieser Stelle meinen Dank ausdrücken!!!

Wenn ich es mir recht überlege, benötigt man wahrscheinlich doch eher 4 Dinge: In meiner obigen Auflistung fehlt eindeutig: Beziehungen. Ohne Leute, die einem mit speziellen Möglichkeiten helfen, wird so eine Vollrestauration zu einem fast undurchführbaren Projekt.

Es würde zu weit führen, hier alles aufzuführen, was Sonderanfertigung speziell für 1159 gebaut wurde, aber an dieser Stelle möchte ich die Kielbolzen aus Edelstahl und die Wanten unter Deck nennen.

Trotz der diversen Schwierigkeiten kam nach fast sechs Jahren die Fertigstellung immer näher. Inzwischen ins Berufsleben eingetreten habe ich durch meine damalige Arbeit einen Lackierer gefunden, der mir zum gewünschten Ergebnis verholfen hat. 1159 Glänzte wie der gesamte Sternenhimmel in einer wolkenlosen Sommernacht weit weg von jedem störenden Einfluß. Aus lauter Freude polierte ich stundenlang den Rumpf. Es sah aus wie neu. Vergessen waren die Stunden, in denen ich am liebsten aufgeben wollte. Vergessen auch der Ärger mit der Freundin, weil schon wieder das ganze Wochenende drauf ging. Ich war einfach nur stolz. Das war es einfach wert gewesen! Mein Fazit: Dinge, die einem wichtig sind, muß man einfach durchziehen! Alles andere paßt nicht.

Als alles schließlich so einigermaßen fertig war, konnte ich es kaum erwarten, Spatz mitteilen zu lassen, daß seiner ehemalige Viola die Bootstaufe demnächst bevorstünde. Zugegeben wünschte ich mir, daß sein Kampf um seine Gesundheit und sein Ringen um Bewußtsein endlich erfolg haben würde. Heute erscheint es mir fast so, als ob sein jahrelanger Überlebenskampf nur ging, weil er noch wissen wollte, daß sein Boot wieder segelt. Er verstarb kurz nach meiner Einladung zur Bootstaufe.
Den Moment, an dem ich 1159 auf das Vereinsgelände zur Bootstaufe brachte, werde ich nie vergessen!!! Die schönste Bestätigung für gelungene Arbeit ist immerhin die, wenn die größten Besserwisser in Ihrer Allwissenheit staunend um das Boot gehen und ausnahmsweise mal nichts zu sagen haben. Nicht, daß ich übermäßigen Lobeshymnen erwartet habe, aber die staunenden Blicke taten mir einfach gut.

Meiner Vorliebe für möglichst wenig Aufsehen folgend, feierte ich die Bootstaufe im kleinen Kreis mit Freunden, ohne großen Formalismus.

Eine extra zur Kieler Woche erworbene Piratenflagge verdeckte den Namen. Ich brachte es. Die zur Taufe notwendige Sektflasche am Rumpf zu zerschlagen, mochte ich nicht erlauben. Den Champagner darüber schütten mußte dann aber doch sein. Und so wurde das Boot auf den Namen „Sirius" getauft.

Die alten Römer ließen schon vor 2000 Jahren Holzkeile mit Wasser aufquellen um Steinplatten aus Felsen zu sprengen. Undichtigkeiten am Rumpf von Sirius würden zwangsläufig meine Arbeit zunichte machen. Also wurde der Moment, an dem Sirius zum ersten Mal wieder schwimmen sollte mit besonderer Spannung erwartet. Meine Sorge blieb zum Glück unbegründet. Einzig das alte Großsegel ließ sich nicht richtig durchsetzen. Aber dafür habe ich ja nun ein Neues.

Aus Neugier, wie sich Spatz wohl gefühlt haben möge, wenn er über Nacht in dem Boot schlief, beschloß ich das mal auszuprobieren. Ich ließ also das Boot ausnahmsweise drei Tage am Stück im Wasser, besorgte mir eine Petroleumlampe, schlug nach Art des Vorbesitzers das Großsegel über den Baum und verlebte gemeinsam mit einer guten Freundin einen unvergeßlich geselligen Abend. In den frühen Morgenstunden, meine Begleitung war bereits Zuhause, hatte ich genügend Müdigkeit um mich auf den harten Holzplanken schlafen zu legen. Als ich wieder aufwachte, taten mir alle Knochen weh, aber mir war die tiefere Bedeutung der Schnapsflasche in Spatz seiner Schublade klar!

Viele Kritiker glaubten, durch die Glasfaser würde Sirius viel zu schwer werden und wie eine Bleiente segeln. Ich habe eher den Eindruck, daß Sirius, dadurch, daß er sich jetzt nicht mehr voll Wasser saugt, leichter ist als zuvor. Zugegebenermaßen ist er kein Regattaboot mehr, aber seinen Glanz, an den ich mich aus meinen Jugendzeiten erinnerte, hat er wider. Besonders gefällt mir, daß diejenigen, die wie ich damals versuchten sich mit Sirius zu messen, es nach drei vier Schlägen aufgegeben haben. Wie es sich das für einen Star gehört, läuft er mit einer unbeschreiblichen Höhe am Wind.

Wenn ich bei leichtem Wind hinten im Boot sitze, die Pinne über die Schulter liegend über den See gleite und an all die Geschichten von früher denke, vergesse ich den Alltagsstreß und mache meinen Frieden mit dem Rest der Welt. Ja, mein Jugendtraum ist wahr geworden!

Als Andenken an „Spatz“ Döring, in Dankbarkeit zu meinem Vater und denen zu ehren, deren Geist mit diesem Boot verbunden ist, widme ich diese Geschichte.

Eschwege, im Mai 2003
Marc Müller


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